Im Laufe des Jahres 2025 hat Medical Affairs seinen Einfluss weiter ausgebaut und sich längst von einer rein unterstützenden Funktion entfernt. Stattdessen hat sich der Bereich zu einer strategischen Säule innerhalb pharmazeutischer Organisationen entwickelt. Mit Blick auf 2026 ist klar: Diese Entwicklung wird sich weiter beschleunigen.

Basierend auf aktuellen Studien, jüngsten Umfragen und Erkenntnissen aus anstehenden Fachkonferenzen lassen sich sechs zentrale Trends identifizieren, die Medical Affairs im kommenden Jahr maßgeblich prägen werden.

1. Integration von Künstlicher Intelligenz und verantwortungsvolle KI-Nutzung

Künstliche Intelligenz (KI) ist für Medical Affairs längst nicht mehr nur “nice to have”, sondern entwickelt sich zu einer grundlegenden Infrastruktur. Laut dem Accreditation Council for Medical Affairs (ACMA) unterstützen KI- und Machine-Learning-Tools Teams dabei, schneller von Rohdaten zu verwertbaren Erkenntnissen zu gelangen. Große Datensätze und Literaturrecherchen lassen sich so effizienter auswerten und liefern klare Hinweise darauf, wo empirische Evidenz noch fehlt.

Branchenweit sollen sich die Investitionen in KI bis 2030 auf rund 200 Milliarden US-Dollar belaufen. Die zunehmende Bedeutung zeigt sich auch in der 5. jährlichen Konferenz „AI in Medical Affairs.” Die Konferenz findet im Januar 2026 statt und bringt Führungskräfte zusammen, um über praktische Umsetzung, Change Management und Return on Investment zu diskutieren.

Im Fokus steht dabei nicht nur die Einführung von KI, sondern deren verantwortungsvoller Einsatz. Unzureichend konzipierte Systeme können Bias (Verzerrung/Verfälschung) verstärken oder unsichere Empfehlungen liefern und damit Vertrauen sowie Wirksamkeit untergraben. Entsprechend legen Medical-Affairs-Teams großen Wert auf Transparenz, Nachvollziehbarkeit und angemessene Kontrollmechanismen.

2. Klinische Evidenz als strategische Priorität

Real-World Evidence (RWE), also klinische Evidenz, hat sich von ergänzendem Begleitmaterial zu einer echten strategischen Priorität entwickelt. Regulierungsbehörden und Kostenträger berücksichtigen RWE zunehmend sowohl bei der Zulassung als auch bei Fragen der Kostenerstattung. Verstärkt wird dieser Trend durch regulatorische Initiativen wie den European Health Data Space mit seinem Fokus auf einen erweiterten Datenaustausch.

Laut dem Medical Affairs Report von ZS erwarten inzwischen 69 % der Key Opinion Leaders (KOLs), dass Medical Science Liaisons (MSLs) Daten zu Real-World Evidence und aus Patientenberichten bereitstellen. Das ist keine Zukunftsvision, sondern ein derzeitiger Anspruch, der sich im Jahr 2026 noch weiter verbreiten wird.

Medical Affairs Teams müssen daher Kompetenzen im Umgang mit RWE ausbauen, Post-Marketing Studien konzipieren und Ergebnisse zielgerichtet kommunizieren, um klinische und regulatorische Ziele zu unterstützen. Autorinnen und Autoren medizinischer Publikationen spielen eine zentrale Rolle dabei, RWE in peer-reviewte Evidenz zu überführen. Sie orientieren sich dabei an Organisationen wie der International Society for Medical Publication Professionals (ISMPP).

Der IMPACCT RWE Summit 2026 wird Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenbringen, um den Einsatz von RWE entlang des gesamten Entwicklungszyklus von Arzneimitteln weiterzuentwickeln.

3. Patientenzentrierte Engagement-Modelle

Patientenzentrierung rückt immer stärker ins Zentrum der Medical-Affairs-Strategie, wobei Medical Information Teams eine Schlüsselrolle einnehmen. Sie bearbeiten eine wachsende Zahl Patientenanfragen und passen ihre Kommunikation an, um allgemein verständlicher zu sein, ohne wissenschaftliche Präzision einzubüßen. In Zusammenarbeit mit Patientenvertretungen stellen sie sicher, dass Informationen in klaren, handlungsorientierten Formaten bei den Betroffenen ankommen.

Zukünftig entwickeln Fachpersonen im Bereich Medical Information ihre Antwortstrategien weiter, um unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dazu gehören standardisierte Vorlagen und Ressourcen, die regulatorische Anforderungen mit einer patientengerechten Sprache verbinden. Diese Ausrichtung erhöht nicht nur die Zufriedenheit, sondern stärkt auch die Zusammenarbeit mit medizinischem Fachpersonal, das zunehmend Organisationen schätzt, die den Fokus auf das Verständnis von Patientinnen und Patienten legen.

Der 8. Patient Centricity Congress wird sich 2026 dem Thema widmen, die Bedarfe, Präferenzen und Werte von Patientinnen und Patienten von der Arzneimittelentwicklung bis zur Therapie konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Teilnehmende aus Industrie, Patientenvertretungen, Klinik und Forschung kommen dort zusammen.

4. Omnichannel-Strategien im Austausch

Persönliche Gespräche waren lange der zentrale Kommunikationsweg. Diese Zeit ist jedoch vorbei. Medical-Affairs-Organisationen investieren zunehmend in andere Kanäle wie Websites, virtuelle Kongresse und soziale Medien, um effizienter zu arbeiten und ihre Reichweite zu erhöhen.

Medical Information Teams gestalten diesen Wandel aktiv mit, etwa durch den Einsatz KI-basierter Chats, zentraler Anlaufstellen für Anfragen von verschiedenen Kanälen sowie digitaler Informationsangebote zur eigenständigen Nutzung. Fachverbände wie die Pharmaceutical Information and Pharmacovigilance Association (PIPA) unterstützen diese Entwicklung mit praxisnahen Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kommunikationswege.

Trotz dieser Entwicklung stehen viele Organisationen noch am Anfang. Laut der Analyse von ZS befinden sich 78 % weiterhin in der Konzept- oder Aufbauphase ihrer Omnichannel-Ausrichtung. Gleichzeitig planen die Teams, ihre Ansätze stärker zu individualisieren und die verschiedenen Kanäle besser miteinander zu verzahnen, mit dem Ziel, ihre Wirksamkeit deutlich zu steigern.

Die Daten zeigen außerdem, dass KOLs ab 2026 mit einem Verhältnis von rund 56 % persönlich zu 44 % virtuell oder digital geplanten Kontakten rechnen. Medical Affairs Teams sind damit gefordert, dieses hybride Zusammenspiel souverän zu steuern und über alle Berührungspunkte hinweg ein stimmiges Gesamtbild zu schaffen. Mit genau diesen Fragestellungen wird sich die Konferenz „Digital Strategy and Innovation for Medical Affairs 2026“ im Februar befassen.

5. Seltene Erkrankungen und Spezialtherapien rücken in den Fokus

Seltene Erkrankungen spielen in den Portfolios von Medical Affairs eine immer größere Rolle. Die Zahl der Zulassungen für Therapien bei seltenen Erkrankungen ist deutlich gestiegen, nicht zuletzt durch regulatorische Anreize wie den Orphan Drug Act. Analysen von Oliver Wyman zufolge könnten Orphan Drugs im Jahr 2026 bereits rund 20 % des weltweiten Umsatzes mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ausmachen.

Mit dieser Entwicklung gehen besondere Anforderungen einher. Medical Science Liaisons müssen ihr Kompetenzprofil erweitern, um sehr unterschiedliche Zielgruppen gezielt und auf hohem wissenschaftlichen Niveau anzusprechen. In Therapiegebieten mit kleinen Patientengruppen und wenigen spezialisierten Ärztinnen und Ärzten stoßen klassische Leistungskennzahlen schnell an ihre Grenzen. Stattdessen rücken qualitative Indikatoren in den Fokus, die tatsächliche Wirkung und Mehrwert abbilden.

Markteinführungen im Bereich seltener Erkrankungen sind naturgemäß mit erhöhten Risiken verbunden. Gleichzeitig zeigt sich, dass gut vorbereitete Medical Affairs Teams maßgeblich zum Erfolg beitragen können. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach MSLs mit ausgewiesener Expertise in diesem Feld, was sich auch in einer wettbewerbsfähigen Vergütung widerspiegelt.

Zwei zentrale Fachveranstaltungen im Jahr 2026, der Access USA Rare Disease Summit in Philadelphia sowie die 4. Internationale Konferenz zu seltenen Erkrankungen und Orphan Drugs in Barcelona, widmen sich Strategien und Best Practices für dieses anspruchsvolle Feld.

6. Standards schaffen durch Harmonisierung und Zertifizierung

Mit der wachsenden strategischen Bedeutung und Komplexität von Medical Affairs steigt auch der Bedarf an klaren, einheitlichen Standards. Spätestens seit der COVID-19-Pandemie steht die pharmazeutische Industrie stärker im öffentlichen Fokus, verbunden mit höheren Erwartungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und konsistentes Handeln. Einheitliche Ansätze helfen Organisationen dabei, verlässliche Mindeststandards auch im Außendienst zu etablieren und das Vertrauen des medizinischen Fachpersonals zu stärken.

Vor diesem Hintergrund gewinnen strukturierte Zertifizierungsprogramme zunehmend an Bedeutung. Laut Angaben der ACMA kann standardisierte Qualifizierung das Compliance-Risiko um rund 30 % senken und die Wirksamkeit der Medical Affairs Arbeit um bis zu 35 % steigern. In großen Organisationen entspricht dies einem Einsparpotenzial von über 160 Millionen US-Dollar pro Jahr.

Die Medical Affairs Professional Society (MAPS) startet im Frühjahr 2026 ihr neues Foundations-Programm, das gemeinsam mit mehr als 60 Branchenexpertinnen und -experten entwickelt wurde. Es umfasst 42 Kernkompetenzen in sieben zentralen Themenfeldern. Ergänzend bieten Communities wie das DIA Medical Affairs and Scientific Communications Forum Plattformen für den Austausch von Erfahrungen, Best Practices und die kontinuierliche Weiterentwicklung professioneller Standards.

Ausblick

Diese sechs Trends unterstreichen den grundlegenden Wandel in Medical Affairs. Der Bereich entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Treiber mit Wirkung auf die gesamte Organisation. Der Einfluss wächst, weil Teams neue Technologien gezielt einsetzen, den Umgang mit Evidenz professionalisieren, enger mit Patientinnen, Patienten und medizinischem Fachpersonal zusammenarbeiten und steigenden Anforderungen an Qualität und Professionalität gerecht werden.

Für das Jahr 2026 sind insbesondere jene Teams gut aufgestellt, die diesen Wandel aktiv gestalten, gezielt Kompetenzen aufbauen, organisationsübergreifende Zusammenarbeit fördern und ihren Mitarbeitenden die Ressourcen und Unterstützung bieten, die sie in einem dynamischen Umfeld benötigen.

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Author: Christine McCarty

Christine Wyman McCarty is Product Marketing Director for corporate solutions at CCC. Through over a decade of experience working with clients at R&D intensive companies, she has gained an understanding of the challenges they face in finding, accessing, and deriving insight from published content. She draws on this expertise to shape innovative product offerings that solve market problems. Christine has held a variety of positions at CCC including roles in software implementation and product management. Christine has a Masters in Library and Information Science from Simmons University and practiced librarianship for several years before finding her passion for helping companies digitalize their knowledge workflows with software.